Von Ust-Bargusin aus, dem Ort am Baikalsee, von dem man auf die Halbinsel „Holy Nose“ kommt, kann man 250km in ein Tal fahren. Der letzte Ort ist der Kurort Umkhey. Die Straße, welche durch das 50km breite Tal am Ostufer des Sees führt, wird gerade saniert. Wir haben es trotzdem gewagt und es hat sich gelohnt.

Nach einer Nacht an der Reka, dem Fluss der sich durch das Tal zieht, ging es am nächsten Morgen zum Kurort. Unser schweizer Freund Lukas meinte, wir sollen nicht zu viel Erwartung haben, umso überraschter waren wir, als wir dort ankamen.

Umkhey liegt auf einer Insel. Die letzten 800 Meter muss man laufen. Es gibt zwar eine „Straße“ durch den Fluss, aber die fahren nicht mal die sonst so kompromisslosen Russen mit ihren Offroadautos.

Das idyllische Dorf auf der Insel. Nach kurzem Warten kam ein Mann, der sogar ziemlich gutes Englisch sprach. Er erklärt uns, für 4000Rubel (45€) pro Tag könne man ein Haus mieten. Für eine der vielen Familien dort sicher ein schönes Angebot, da man außerdem All-inclusive lebt. Für uns leider zu teuer, aber ohnehin nicht nötig, da wir unser zu Hause mit haben. Umso schöner, dass man die heißen Quellen kostenlos nutzen darf.

Wir nutzen den Anlass, um unsere japanischen Kimonos, aus der Mongolei, zu präsentieren. Das nach Schwefel riechende, heiße und ölige Wasser, ist zwar erstmal nicht besonders einladend, aber wenn man dann drin sitzt, ist es wirklich angenehm.

Der See hat 45Grad. Man soll nicht länger als 30 Minuten drin bleiben. Dafür bis zu 4 Mal täglich. Die Frauen dort haben sich mit dem Modder eingerieben. Sah lustig aus, aber wenns hilft…Für die ganz Harten gibt es auch noch die 60Grad heiße Quelle. Drumherum hat man ein Gewächshaus gebaut.

Wir fuhren wieder Richtung Ust-Bargusin. Auf einer Wiese, mitten im Nirgendwo, wollten wir die Nacht verbringen. Ausschlaggebend ist bei der Platzwahl immer die Nähe zu einem Sendemast. Wir kochten uns gerade Abendbrot, als ein großer Radlader angefahren kam. Man kann in der größten Wildnis stehen, aber Irgendjemand kommt immer….

Ein Burjate wurde auf uns aufmerksam. Wir zeigten ihm, wie der Google Übersetzer mit Sprachfunktion geht und schon konnten wir uns unterhalten. Davor sagte er schon ein paar Mal „Druschba“. Ich weiß nicht viel, aber das heißt „Freundschaft“. Wie die meisten Leute mit denen wir ins Gespräch kommen, fing auch er sofort mit dem Thema Krieg an. Er selbst war Mitte der 90er Jahre für Russland in Afghanistan. Hat dort einige seiner Freunde verloren und findet Krieg generell scheiße. Grund genug um ihn auf einen Schnaps einzuladen. In der Region Burjatien leben Buddhisten. Man trinkt immer 3 Schnaps. 1x auf’s Feuer, 1x auf’s Wasser und 1x auf den Himmel. Die letzten Tropfen lässt man im Glas und schnipst sie mit dem Finger auf den Boden.
Ein zweiter Kurort im Tal liegt in der Nähe des Ortes Alla. Nach 9km Fußmarsch, die man allerdings auch fahren könnte, kommt eine kleine Siedlung. Vergeblich freute ich mich darauf, dort ein kühles Bier zu bekommen. Das ist aber generell so in Russland. Gastronomie gibt es quasi nicht.

In diesem Häuschen ist auch eine heiße Quelle. Wir waren froh, am Vortag in der Anderen gewesen zu sein. 2 Frauen machten uns auf sehr amüsante Weise klar (da wir kein Russisch verstehen), dass dort unten Schlangen sind.

Diese schöne Natter sonnte sich und ich durfte sie fotografieren. Als ich mich wieder setzen wollte, erschreckte sich eine andere Natter die neben Victoria saß. Wir saßen eine Stunde auf den heißen Steinen am Fluß und waren umgeben von diesen neugierigen, aber völlig harmlosen Schlangen.

Wir fuhren nach Ust-Bargusin und auf der Schotterstraße löste sich eine Schraube, die den Stoßdämpfer hält. Wir schlichen mit 30kmh zurück in die Stadt. Durch Lukas, den Schweizer der am Baikal lebt, bekamen wir die Nummer von Dima (Dimitri). Es war Sonntag, aber er hatte trotzdem Zeit, sich um uns zu kümmern.

Es gestaltete sich ziemlich kompliziert und die Bremse usw. musste zurück gebaut werden, um das Gewinde nachschneiden zu können. Ich war überrascht von seiner Werkstatt. Er ist Schlosser, aber das sieht bei ihm wirklich gar nicht russisch aus. Der sympathische Russe ist der Beweis dafür, dass es hier nicht überall aussieht, wie bei „Hempels unterm Sofa“. Nach 4 Stunden basteln war alles wieder schick. Geld wollte er nicht. Nur eine Postkarte sollen wir ihm mal schicken. Wir haben ihm eine Flasche Cognac geschenkt.
Im letzten Ort am Baikalsee haben wir unser Auto gewaschen. Es war auch innen komplett eingestaubt. Als wir nach 3 Stunden fast fertig waren, kam ein Mann zu uns. Andrey. Darauf hin folgte einer der lustigsten Tage für uns in Russland.

Er lebt mit seinen 6 Husky’s in einem kleinen Holzhaus. Er lud uns ein, den Nachmittag mit ihm zu verbringen.

Nach ein paar Cognac gab’s salzigen Fisch auf Brot. Sah erstmal unappetitlich aus, war dann aber doch ziemlich lecker und genau das Richtige für einen feucht fröhlichen Nachmittag.

Wir sollten ein paar Videos mit unserer Drohne machen. Gleich am Anfang erzählte er, er bekommt um 18Uhr Kundschaft. Davor sind wir zur Probe schon mal eine Runde mit seinen Schlittenhunden gefahren. Der Start war etwas ruppig und schon lagen wir das erste Mal. Mit einer Flasche Weinbrand intus gar nicht so einfach. Victoria filmte mit der Drohne.

Wir genehmigten uns noch ein paar Schnaps. Auf einmal schlief er. Da wussten Victoria und ich auch nicht so recht, was wir machen sollen. Getreu dem Motto „Mit gehangen, mit gefangen“ hielten wir die Stellung. Er schlief 2 Stunden und um 6 klingelte sein Handy Sturm. Ich weckte ihn. Wir machten den Schlitten zurecht und da kam auch schon die Kundschaft. Wir wieder nüchtern, aber Andrey noch ordentlich im Strom, ging es los. Victoria mit der Drohne.

Am Ende fuhr Victoria das Kind mit dem Schlitten. Ich führte die Hunde und Andrey unterhielt sich mit dem Vater. Dieser war anscheinend zufrieden. Genau so wie Andrey. Der uns unbedingt zum Schaschlik einladen wollte.



Er kaufte alle 3 Dorfläden leer und jeder hatte 2 große Tüten voll mit Essen. Als wir wieder bei ihm waren, warteten schon seine beiden Schwestern mit seiner Ex. Dann gab es eine viertel Stunde Familiendrama. Wir haben zwar kein Wort verstanden und ich hatte den Übersetzer nebenbei laufen. Da kamen aber nur ****** Wörter. Die 3 Frauen waren wieder weg und seine Freundin Tanja kam, mit der wir dann Schaschlik aßen.


Zum Schluss gab’s noch eine „Friedenszigarette“ und nach 12 Stunden mit Andrey waren wir im Bett. Wenn ich das hier gerade schreibe, muss ich immer noch lachen. Also am Baikalsee wohnen schon echt ein paar Spezialisten. Aber alles super Menschen dort.
Wir machten erstmal eine Woche „bleifrei“. Unser nächstes großes Ziel war Wladiwostok, was noch 3500km von uns entfernt war. In Ulaan Ude hielten wir nochmal bei Lukas an. Victoria hatte noch ein Buch von ihm. Wir erzählten eine Weile und zum Abschied schenkte er uns ein richtiges selbstgebackenes Schwarzbrot. Das klingt nach nichts Besonderem, aber nach 7 Monaten vermisst man soetwas. Es war sehr lecker und hat den Abend nicht überlebt.

Wir fuhren im Schnitt 500km am Tag. Erst ging es von Tschita aus, bis an den nördlichsten Zipfel Chinas. Dort fährt man fast ununterbrochen durch Sibirischen Wald. Der besteht erst aus Kiefern und Birken. Später ausschließlich aus Lärchen. Sobald es dann aber Richtung Süden geht, ändert sich der Wald schlagartig in subtropischen Mischwald. Dazwischen große Moore. Unglaublich schöne Natur dort. Russland ist wahnsinnig grün. Deutscher Wald ist dagegen maximal ein kleiner Busch.

Auf der langen Strecke kommen uns fast ausschließlich japanische (Lenkrad rechts) oder koreanische Neuwagen entgegen. Dazwischen neue chinesische Lkw’s und gelegentlich auch deutsche Maschinen der Firma Liebherr oder Mähdrescher von Claas. Komisch in Zeiten der Sanktionen. Außerdem kommen einem Autos, der 5 großen deutschen Marken entgegen. Hier treffen wir die Besitzer von ein paar schicken neuen Benz. Diese werden ganz klimafreundlich über den Seeweg importiert. Für die deutsche Wirtschaft freut es mich, dass man einen Weg findet.

800km vor dem Ziel kommen wir in die schönste Stadt Russland’s, die wir besuchen durften. (In Moskau und St.Petersburg waren wir nicht.) 5km vor China, nur geteilt durch den Fluss Amur, liegt Chabarowsk. Die Stadt hat einen besonderen verwunschenen Charme. Hier bleiben wir ein paar Tage und lernen nette Leute kennen.



Die letzte große Stadt, ganz weit im Osten Russlands, ist Wladiwostok. Unglaublich modern, passt sie eigentlich gar nicht hier her. Da wir immer noch nicht wussten, wie es mit uns und unserem Auto weitergeht, machten wir uns gleich auf die Suche und klapperten den gesamten Hafen ab.

Nach 3 Tagen und jeder Menge Informationen, kamen wir in ein offizielles Verwaltungsgebäude des Hafens und endlich mal zu Leuten, die in entscheidenden Positionen sind. Meistens wurden wir schon bei den Schrankenwärtern abgewiesen. 4 Frauen und 2 Männer saßen in dem Büro und alle ließen ihre Kontakte für uns spielen.
Nach Nord-und Südamerika fährt gar nichts. Containerschiffe nach Indien, Malaysia und Thailand könnten unser Auto für 4000€ mitnehmen. Das ist uns zu teuer und auch zu ungewiss, da wir mindestens 8 Wochen ohne unser Auto wären. Die Schiffe nach Japan fahren leer zurück. Zugroß das Risko, wegen uns in Verzug zu kommen, durch Zollkontrollen usw. Südkorea hat kein Verkehrsabkommen mit Deutschland. Die Fähre nimmt unser Auto auch nicht mit. Wir bekamen noch ein paar Nummern von Japanern, die konnten uns aber auch nicht auf die Schnelle helfen.

Wir stehen abends am Wasser und überlegen wie es weiter geht, da kommt ein Ehepaar und klopft bei uns an die Scheibe. Sie möchten das wir in ihrer Ferienwohnung, einem ausgebauten Schiffscontainer, schlafen. Umsonst natürlich. Wir nehmen das Angebot an und fragen am nächsten Morgen, ob wir unser Auto hier für 2-3 Monate stehen lassen können. Kein Problem. Miete wollen sie auch nicht.


Also ließen wir unser Auto bei Tatjana und Pavel auf der Insel Russkiy zurück. Ihr Sohn Vladimir fuhr uns zum Hafen. Dort hatten wir Tickets für die Fähre nach Donghae/ Südkorea gebucht. Hin und zurück kostet 842€ p.P. Ziemlich knackig, aber für uns die einzige Möglichkeit weiter zu reisen.

Die Zollkontrolle verlief reibungslos. Dann ging es los. Anfangs alle noch bei bester Laune. Wir hatten uns Vodka und Orangensaft mitgenommen, um die 25h Fahrt etwas bunter zu gestalten. Schnell knüpften wir Kontakte, verabredeten uns mit anderen und erkundeten das große Schiff.


Den Schlafsaal teilt man sich mit 60 Anderen. Das waren fast ausschließlich muslimische Russen, Tadjiken, Usbeken und Turkmenen, die zum Arbeiten nach Südkorea reisen. Wir hatten das Glück ein Doppelstockbett bekommen zu haben.

Die obere Etage war für einen Tag mein zu Hause. Anstelle von Wodka hätten wir besser in Anti-Brechmittel investieren sollen. Nach 3 Stunden ging es los. Der Typ unter mir und der davor waren die Schlimmsten im ganzen Saal. In einer Tour kotzten die Beiden auf den Boden. Neben meinem Bett war die Damentoilette. Von dort hörte man weinende Frauen, die sich ebenfalls übergaben. Nach 6 Stunden war es bei mir auch so weit. Der Duft der Kotze war am Ende einfach zu viel. Victoria war schon vor Stunden draußen an der Reling. Immerhin habe ich es auf Toilette geschafft. Wir freuen uns schon auf die Rückfahrt.

Der Morgen danach. Angenehme Runde beim Frühstück. Der Muslim erklärt uns und den beiden koreanischen Damen, dass er 3 Kinder hat. Bis jetzt bloß mit einer Frau. Sein Ziel sind 10 Kinder mit mindestens 3 Frauen. Völlig legitim in seinem Glauben. Wir können nur Lachen.

Das ist die Präsidentensuite auf dem Kahn. Für 5000€ p.P darf man hier oben Kotzen. Das Sprichwort: „man sitzt im selben Boot“ trifft es in diesem Fall. Trotz der Umstände, war es eine besondere Atmosphäre, in der sämtliche Kulturen miteinander „gelitten“, aber es dann gemeinsam geschafft haben.

Dann war endlich Land in Sicht. Wir saßen mit ein paar Russen auf dem Oberdeck. Einer ließ sämtliche 80er Hits laufen, gepaart mit Rammstein. Das machen sie immer für uns Deutsche an. Klingt lustig, wenn sie mitsingen. Feuer frei!!! Die Zollkontrolle in Südkorea verlief auch super. Wir waren es gar nicht mehr gewohnt, dass Zöllner einem bei wichtigen Dokumenten helfen. In Russland ist man bei sowas auf sich allein gestellt.

Jeder Quadratmeter in Südkorea’s Städten wird genutzt. Solche Gärten sieht man sehr oft. Die Koreaner sind voll in Ordnung. Sehr aufmerksam und hilfsbereit. Abends laufen wir noch 7km, ehe wir eine günstige Unterkunft finden.

Am nächsten Tag hatte Victoria Geburtstag. Mit unseren Kreditkarten konnten wir zwar in Läden bezahlen, aber an den ATM kein Geld abheben. In einer Bankfiliale treffen wir Young. Er probierte mit unseren Karten Geld abzuheben. Vergebens. Er schloss seine Bank zu und wir fuhren mit ihm so lange durch die Stadt, bis es irgendwo funktionierte. Wir luden ihn auf einen Kaffee ein. Abends gabs Sushi, was nochmal was Anderes ist, als das, was man in Deutschland serviert bekommt. Um 10 wurden wir rausgeschmissen. Da werden hier die Bordsteine hochgeklappt und wir waren Samstagabend die Einzigen auf der Straße.


Abends tranken wir noch schön Vodka-O und am nächsten Tag versuchten wir das erste Mal zu trampen. Die ersten 2 Autos fuhren noch vorbei, aber das 3. hielt schon für uns an. Er brachte uns auch direkt ans Ziel, obwohl er woanders hin wollte. Inzwischen sind wir 9 mal per Anhalter gefahren. Das funktioniert wunderbar, obwohl alle Koreaner, die wir vorher fragten versicherten, uns würde niemand mitnehmen.

Entlang der Küste ging es Richtung Norden nach Sokcho. Von dort aus ins Landesinnere. Es macht Spaß hier zu reisen. Auch das Laufen ist kein Problem, obwohl unsere Rücksäcke 14 und 17 Kg wiegen. Lediglich das subtropischen Klima und die extrem hohen Preise für Lebensmittel sind unschön.

Zimmer findet man recht preiswert zwischen 15€ und 25€. Manchmal in Jugendherbergen, oder wie hier wo man traditionell auf dem Boden schläft. Ist uns egal. Hauptsache günstig.

Essen kochen wir wie immer selbst.

Mittlerweile sind wir 130km, in 10 Tagen gelaufen. Den Rest der insgesamt 300km haben wir mit Bus und Bahn zurückgelegt. Was auch relativ preiswert und unkompliziert funktioniert. Jetzt sind wir in Seoul. Mit seinen über 20Mio Einwohnern größer als Alles, was wir bis jetzt gesehen haben. Wir dachten schon, es wäre ein hektisches Chaos hier, aber die Koreaner sind tiefenentspannt und es ist sehr angenehm bei ihnen. Alles geht seinen Gang. Im sozialen Miteinander sind die uns Lichtjahre voraus.
Dennoch werden wir sie (erstmal) wieder verlassen. Am Mittwoch werden wir nach Bangkok (Thailand) fliegen. Uns wird es hier auf Dauer doch zu teuer. Davor sind wir mit insgesamt 30€ pro Tag ausgekommen. Hier zahlt jeder von uns 30€. Deswegen haben wir uns ein Ticket (130€ inkl. Gepäck) besorgt und machen in Thailand weiter. Ende August geht unsere Fähre von Donghae (Südkorea) zurück nach Wladiwostok. Also kommen wir schon bald wieder.
Ich hoffe, euch hat der Bericht gefallen. Anbei noch ein paar Bilder. Darunter geht es weiter


























Unglaublich was ihr alles erleben könnt. Ich lese eure Reiseberichte sehr gerne und warte schon auf eure nächsten Abenteuer. Liebe Grüße von Christine Lehmann
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