Russia-Baikal (6/23)

Bereits das 4. Mal reisen wir innerhalb von 8 Wochen in die russische Föderation ein. Beim ersten Mal mussten wir zum großen „Interview“. Die beiden anderen Male wollten sie nichts weiter wissen. Dieses Mal jedoch das volle Programm. Also Auto an die Seite stellen und ins Verwaltungsgebäude. Eine Zöllnerin führte uns im Marschtempo dorthin. In einem Flur, in dem gerade zwei Zöllner einen Türrahmen einbauten (ohne Wasserwaage), sollten wir warten. Ein netter junger Mann in zivil kam. Circa 1,70m, dünnes Haar, sportlich, kräftige Arme, die jedoch weiß wie Quark waren. Englisch kann er bloß vom online zocken. Wenn es keinen Englischunterricht in der Schule gab, hatte er sicherlich Deutschunterricht. Deswegen sollte man immer aufpassen, was man sagt.

Er fragte, ob wir nicht wissen, dass Deutschland ein unfreundliches Land ist und wir eigentlich nicht willkommen sind. Victoria meinte, wir fühlen uns hier sehr willkommen. Er lachte und wollte wissen, was wir über die Operation denken. „Nothing“. Er lachte wieder. „Auf welcher Seite seid ihr ? Russland oder Ukraine?“ Ich sagte :“Germany“ wieder freute er sich. Persönlich finde ich zwar das Verhalten Deutschlands auch nicht richtig, nach außen sollte man dann aber doch zu seinem Land stehen. Meine Meinung. Nach 10 Minuten und ein paar Standartfragen, den man ganz leicht ausweichen konnte, ging er mit unseren Pässen ins Büro. Kurze Zeit später kam er und wünschte uns eine angenehme Weiterreise. Die Zöllnerin führte uns zurück, wo wir an alle Mongolen/Burjaten vorbei, als erstes dran kamen. Auto war sauber, Pfiffi hat auch nichts gerochen. Wir sind wieder da und es fühlt sich wirklich toll an. Das schöne an Russland? Hier gibt es keine Faxxen, wie in der Mongolei oder Kasachstan, bei den Beamten. Die haben hier anderes Gefühl von Ehre.

In Gussinoosjorsk, der ersten größeren Stadt , ließen wir in einer Werkstatt den Fehler auslesen. Sofort kam ein Mitarbeiter, dessen Gerät aber nicht kompatibel war. Das andere Gerät hatte keinen Akku. Nach einer halben Stunde warten, war der Akku voll und der Chef kam. Wieder Injektor 2. Zylinder. Wir hatten extra russischen Diesel mit in der Mongolei und dort auch nur 1x Euro 5 Diesel getankt. Das Auto hatte auch nie Probleme gemacht, nur diese schei* Lampe leuchtet immer. Der Meister rief den anderen Meister in Omsk an, welcher das Teil letztes Mal gewechselt hat. Sie waren sich sicher, es kann nur die Elektronik sein. Er gab mir eine Adresse in Ulaan Ude, wo man sich damit auskennt. Ich fragte was ich ihm schuldig sei. Eine gute Bewertung bei Google. So sind sie, die Russen.

AutoHacker Ulaan-Ude. Der Typ mit der Mütze war so alt wie ich und wusste genau was er macht. Sein Chef erklärte ihm vorab, dass es heute Überstunden gibt, da wir das Auto brauchen. Kein Problem. Nach 1,5h Suche, hat er den Fehler gefunden. Ein Kabel, was zum Motor ging, war beschädigt. Er lötete ein neues rein. Seit dem ist Ruhe. 4000Rubel (45€) sind zwar verhältnismäßig viel, aber egal, endlich leuchtet nichts mehr. Das Geld gebe ich ihm 1000 Mal lieber als irgend welchen dubiosen Versicherungsvertretern oder Polizisten.

Lukas ist gebürtiger Schweizer. Er lebt seit einigen Jahren in Ulaan Ude, südlich des Baikalsees. Nachdem er viele Jahre hier her fuhr, entschloss er, sich hier niederzulassen. Er gründete einen Campingplatz, den er nun mit einem Deutschen und dessen Frau betreibt. Was die Pandemie und der Krieg für sein Geschäft bedeuten, brauch ich nicht erklären. Er hat sich einen LKW (Kamaz) gekauft, mit dem er nun Ausflugstouren für Einheimische macht. Bei einem Abend mit selbstgemachter Pizza, Wein und Tequila stellte er uns eine Route für die nächsten Tage/ Wochen zusammen. Eigentlich wollten wir ans Westufer des Sees, davon riet er uns ab, womit er definitiv recht behielt.

Wir konnten bei ihm unsere Wäsche waschen.

Es war mal interessant eine neutrale Meinung zu hören. Da wir seit Beginn der Pandemie auf offizielle Nachrichten verzichten, aber auch keinen Bock auf die andere Seite der Berichterstattung haben, war es ganz schön, mal etwas zwischen Schwarz und Weiß zu erfahren.

Auf seine Empfehlung hin, fuhren wir nochmal 30 Kilometer Richtung Mongolei. Hier in Burjatien, leben 1/3 Burjaten. Es ist neben Kalmückien die einzige Region Russlands, wo der Buddhismus herrscht. Natürlich finde ich das aktuelle Vorgehen Russlands falsch, auf der anderen Seite ist es erstaunlich, wie man es schafft, soviele Religionen unter einen Hut zu bekommen.

Anna die Führerin, sprach für russische Verhältnisse sehr gut englisch. Sonst spricht das hier kaum jemand. 900 Rubel für 3 Stunden Privatführung sind unschlagbar.

Von Ulaan-Ude bis an den Baikalsee sind es knapp 150km. Die führen ausschließlich durch sibirischen Wald. Schon auf dem Weg merken wir, dass wir an einen besonderen Ort fahren.

Wir haben mittlerweile eine ganze Menge gesehen. Mediterrane Landschaften in Kroatien und auf dem Balkan. Impulsante Städte wie Athen und Istanbul. Einmalige Felsformationen in Kapadokien. Mittelmeer, schwarzes Meer, Kaspisches Meer, 2000km die Wolga entlang, mongolisches Hochland, usw. Aber für mich ist der schönste Ort bis jetzt der Baikalsee und das Umland. Das ist nochmal ne ganz andere Nummer.

Der älteste See der Welt. Der tiefste See der Welt. Der wasserreichste See der Welt. So sauber, dass die Einheimischen sein Wasser bedenkenlos trinken. Man steht am Ufer und freut sich.

Mit vollem Kühlschrank und bester Laune ging es früh um 7 in den Nationalpark bei Ust-Bargusin. 2 Tage mit Auto kosten 1350Rubel (16€).

Einen Bären haben wir nicht getroffen. Auf der einen Seite schade, weil wir gerne einen gesehen hätten. Auf der anderen Seite vergeht es einem wahrscheinlich, wenn er dann vor einem steht.

Am ersten Tag sind wir im südlichen Teil der Insel auf einen Berg geklettert. Wir sind zwar keine Profis, aber schon relativ fit, würde ich sagen. Das war schon ordentlich anstrengend. Das Kreuz ist nur ein Zwischenziel auf der Route, die insgesamt 8 Stunden geht. Hat uns aber gereicht.

Der Frühling hat Anfang Juni auch endlich Sibirien erreicht. Das letzte Eis ist fast geschmolzen. Im Nationalpark gibt es etliche Wanderrouten, die wunderbar ausgebaut sind. Vor ein paar Jahren hat es hier gebrannt, aber im Unterholz kommen neue Bäume.

Der See hat zwar bloß 3 Grad, aber egal. Ich war drin. Nach jetzt fast 7 Monaten, die wir  fast ausschließlich im Winter unterwegs waren und nicht einmal krank waren, haben wir ein gutes Gefühl für Kälte. Unser Rekord war es bei -7Grad außen und -2Grad im Auto zu schlafen. Standheizung braucht man mit guten Schlafsäcken nicht.

Victoria hat sich auch noch reingetraut. Respekt an dieser Stelle an meine kleine Frostbeule.

Am 2. Tag haben wir den nördlichen Teil der Insel erkundigt. Auch hier gibt es wunderbare Wanderwege. Uns Taten die Knochen weh vom Vortag und so wurde es nur die kleine Runde von 16km. Also für leidenschaftliche Wandersleute ist der Park ein absolutes Muss und man kann bestimmt 2 Wochen hier verbringen. Wir haben selbst nur einen Bruchteil gesehen. Am Abend fuhren wir die 20km lange Landzunge zurück nach Ust- Bargusin.

Roman sprach uns im Supermarkt an. Er erkannte unser Kennzeichen, was besonders ist, weil sonst niemand hier weiß, wofür das D steht. Hier sind wir Germaniya/Nemetskiy. Seine Schwester lebt in Dortmund und er war schon 2 mal in Deutschland. Er würde gerne mal wieder hin, kann sich aber den teuren Flug über Istanbul nicht leisten. Er lud uns zu sich nach Hause ein und wir erzählten ein paar Stunden. Letztes Jahr starb sein Vater, er übernahm den Bauernhof mit seinem Onkel, welcher kurz danach auch verstarb. Zu guter letzt brannte noch der Stall samt der Kühe nieder. Harte Nummer für den 31- jährigen. Er ist sehr gläubiger Christ und denkt, dass alles eine Bestimmung hat. Starker Typ.

5l Wasser kosten im Supermarkt 1€. Also bei 40l ist Das ne ganze Menge. Sonst waren es Pumpen. Jetzt auch mal ein richtiger Brunnen, der in 5 Metern Tiefe noch gefroren war. Nur der Eimer passte durch. Wenn es die Einheimischen trinken, wird es schon gehen.

Wir waren schon stolz auf uns, endlich mal unser Limit von 900€ im Monat zu unterbieten. Genau am letzten Tag im Mai verabschiedet sich ein Stoßdämpfer. Für 45€  und ein Tag warten, kommt das neue Mercedesteil nach Sibirien an den Baikalsee.

947€÷31 Tage=30,55€÷2Personen=15,28€p.P.

Bei 6000km die wir im Mai zurückgelegt haben. Weil oft Leute fragen wie wir das bezahlen. 15€ am Tag…Man muss nicht reich sein, um so eine Reise zu machen. Nur verzichten können. Wenig Fleisch, kaum Alkohol und wenn Wein ausm Tetrapak, der übrigens auch sehr lecker sein kann. Die meiste Kohle schluckt unser  Auto. Aber für das, was wir sehen, ist es mir das definitiv wert.

Wir bleiben noch ein paar Tage am Baikal. Schauen uns das Tal im Norden an, bevor wir den letzten großen Ritt antreten. Bis Wladiwostok sind es noch 4000km.    danach? Schauen wir mal.

До свидания

1 Kommentar

  1. Avatar von Stefan Stefan sagt:

    Danke für die Fortsetzung und Update eurer Reise! Was man mit schmalem Budget doch noch alles machen kann – ihr lebt es vor!

    Im nächsten #Buschfunk seid ihr wieder dabei!

    Schönes Reisen euch! Stefan

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