Russia-Kazakhstan (5/23)

Tscheljabinsk ist eine Studentenstadt. Dort waren wir auf einer soliden Technoparty. Wie man richtig feiert, wissen sie hier auch. Sympathische Leute und mit Mitte 20 waren wir dort schon die Ältesten…

Am nächsten Tag gingen wir zu Alice im Wunderland in die Oper. 300 Rubel (3,45€) kostete der Eintritt pro Person. In dem imposanten Gebäude, welches in russischer Manier auf knapp 30Grad geheizt wurde, sahen wir mit knapp 300 Kindern und deren Mütter die Aufführung.

Nachdem wir ständig Probleme beim Starten des Autos hatten, war klar, es wird Zeit für eine neue Batterie. Die Alte war knapp 10 Jahre alt. Mit unserer zweiten Batterie der Solaranlage, konnten wir uns selbst Starthilfe geben. Außerdem leuchtet in regelmäßigen Abständen die Motorkontrollleuchte. Also fuhren wir zu einer Werkstatt. Der Besitzer sprach etwas Deutsch und der Sohn fing sofort an den Fehler auszulesen. Dann kam das böse Erwachen.

Injektor für den 2. Zylinder. Allein das Teil würde 750€ kosten und in der Umgebung von 1300km könnte es auch niemand reparieren. Er meinte, wir sollen nach Petropavl (Kasachstan) fahren und dort unser Glück versuchen. Immerhin hatten wir mit der Batterie Glück. Wir fuhren mit dem Sohn zu einem Händler und holten eine neue Batterie. Ich bezahlte mit Karte und merkte, dass wir nach 3 Stunden das Geld zurücküberwiesen bekommen haben. Es hat sich nie jemand bei uns gemeldet.

Am nächsten Morgen ging es zur kasachischen Grenze. Es war sogar der direkte Weg auf unserer Route Richtung Osten und bis jetzt unser schnellster Grenzübertritt außerhalb der EU. Innerhalb von 1 1/4 Stunde waren wir da. Direkt hinter der Grenze warten die Versicherungsvertreter an der Straße. Wir dachten erst, die Leute wollen mitgenommen werden, aber sie wollen einem nur ihre Versicherung andrehen. Wir fuhren erstmal weiter und machten uns bei ein paar russischen LKW-Fahrern schlau. Die meinten, Autoversicherung ist hier Pflicht und im ersten Ort steht die Polizei und kontrolliert. Das war dann auch so.

Dimitri hat sein Büro im Keller eines Cafés. Für 23€ bekommt man Versicherungsschutz für 14 Tage. Wir fragten ihn, ob er jemanden kennt, der Mercedes reparieren kann und nach ein paar Telefonaten, gab er uns eine Adresse in Petropavl.

Dort angekommen wartete man schon auf uns. Ein Typ in unserem Alter war sehr neugierig, was unsere Reise angeht und hatte viele Fragen. Vorallem ging es ums Geld. Wir sagten, dass wir ein Limit von 900€ im Monat haben. Sie erklärten uns, dass man dafür 3 Jahre Miete in der Stadt bezahlen könnte. Reparieren konnten sie unser Auto nicht. Für’s Fehlerauslesen wollte man allerdings 35€. Quasi 1,5 Monatsmieten in 15 Minuten verdient. Schon da waren mir die Kasachen das erste Mal unsympathisch. Immerhin gaben sie uns eine Adresse, in Omsk. Also wieder nach Russland.

Abends waren wir dann wieder in Russland.

In einem riesigen Areal voller Garagen hat Victor seine Werkstatt. Als wir ankamen wurde mal wieder als erstes der Fehler ausgelesen. Mittlerweile zum 4. Mal. Er meinte, er könne es reparieren. Das Teil liegt in Novosibirsk (knapp 1000km von Omsk) und könnte morgen da sein. Wir waren froh, dass uns endlich jemand helfen konnte. Am nächsten Tag war es dann innerhalb von 2 Stunden fertig. 420€ für den Injektor und 35€ für den Einbau. Leider kennt sich der Meister nur mit Motoren aus. Unsere Klimaanlage funktionierte nicht und wir bekamen die Adresse einer Mercedes Werkstatt.

Hier trafen wir den ersten und bis jetzt einzigen Typen in Russland, der die Operation in der Ukraine richtig findet. Er ist Besitzer der größten Mercedeswerkstatt in der Millionenstadt. Die Prominenz ist seine Kundschaft. Er zeigte uns Videos, wie er mit seinen Kindern Panzer fährt. Zu uns war er nett. Er hat Verwandtschaft in Deutschland und findet es peinlich, dass sich Deutschland in fremde Angelegenheiten einmischt. Er sieht Russland weiterhin als Freund der Bundesrepublik. Ich fragte ihn, ob es Probleme gibt, an deutsche Ersatzteile zu kommen. Die ersten 3 Monate waren schwierig, danach alles wie immer. Für den Klimaservice wollte er 75€.

Nachdem dann endlich alles am Auto repariert war, ging es in den deutschen Rajon.

Die Straßen dort hin waren sehr schlecht. 150 Kilometer auf Schotterstraße. Doch selbst dort wird man ordentlich medizinisch versorgt. Die Krankenversicherung ist in Russland übrigens umsonst und die Leute mit denen wir drüber gesprochen haben, sind auch wirklich zufrieden damit. Pflege- oder Altenheime gibt es nicht. Das ist Aufgabe der Familie. Es gibt zwar Einrichtungen, die ähneln aber eher der Psychiatrie.

Der Transporter links ist ein Krankenwagen. So sehen die hier aus. Ähnlich wie ein B1000. Man könnte denken, die Dinger sind 40 Jahre alt. Sachen wie Design, Optik, Marketing etc. also Außenwirkung sind wirklich nicht ihre Stärke.

Der deutsche Rajon ist landschaftlich sehr trostlos. Wir wollten rausfinden, ob es noch Deutsche gibt, die hier leben, oder ob man irgendwas sieht, was aus unserer Heimat kommt. Halbstadt ist die größte Gemeinde im Rajon. Wir liefen durch die Straßen, aber fanden Niemanden. Wir gingen in eine Kneipe und fragten dort nach. Ein Mann rief seinen Onkel an. Ein Russland-Schwabe der gerade zu Besuch hier ist. Er meinte, es gibt hier keine Deutschen mehr, aber jeder hier hätte Familie in D. Bei Berichten, in denen gesagt wird, Russen würden uns nicht mehr positiv gegenüberstehen, kann er nur den Kopf schütteln. Es stimmt einfach nicht. Den selben Eindruck haben wir auch. Noch heute gilt die Integration der Russen Anfang der 90er Jahre in Deutschland als Paradebeispiel, wie es funktionieren kann.

Wir fuhren wieder nach Kasachstan, wo wir uns Astana anschauen wollten. An der Grenze gab es auf beiden Seiten keine Probleme. Die Autobahn ist erst neu gebaut wurden, also kein Vergleich zu den russischen Pisten. Auf dem Weg dort hin wurden wir mal wieder von der kasachischen Polizei kontrolliert. Das Komische hier.. Man steigt mit seinen Dokumenten in das Polizeiauto ein, auf den Beifahrersitz. Alles i.O. Dann gab es 600km nicht viel zu sehen, außer Murmeltieren, Pferden und Kühen.

Astana wurde erst vor knapp 30 Jahren gegründet. Schöne Stadt mit vielen interessanten Dingen, die man sich angucken kann. Wir blieben ein paar Tage dort. Für „Camper“ wie uns, ist leider immer wenig Platz in Städten. Nach 4 Tagen haben wir alles gesehen und fuhren Richtung Süden. Bereits in der Türkei hatten wir eine Gastfamilie. Eigentlich war es nur ein Gastvater, bei dem wir 10 Tage wohnten und ihm dafür etwas halfen. Wir wollten es nochmal in Kasachstan probieren und über eine App nahm Victoria Kontakt auf.

Dort merkten wir aber schnell, dass man hier nur billige Arbeitskräfte sucht. Der Typ baut Rollrasen für Astana an. Er ließ uns 11 Stunden am Tag auf dem Feld, während er verschwand oder im Trekker saß. Eigentlich wollten wir das machen um neue Menschen und deren Lebensweise kennenzulernen. Aber wir waren allein aufm Acker um Wasserleitung zu bauen, für 5 € am Tag und einen Teller Reis. Seine Frau hat es trotz Haushälterin nicht geschafft, unsere Wäsche in die Waschmaschine zu stecken. Es waren noch mehr Sachen, die mir auf den Sack gingen, also sind wir nach 2 Tagen wieder abgehauen.

Als nächstes wollten wir in die Mongolei. Laut Google Maps und ein paar alten Einträgen, führt eine Passstraße durchs russische Altai, in die Mongolei. Auf dem Weg dorthin überholte ich einen LKW im Überholverbot. In 2 Kilometern Entfernung stand eine Streife mit Kamera auf dem Dach. Ein Polizist sprang auf die Straße und hielt uns an. Also wieder auf den Beifahrersitz ins Polizeiauto. Der eine Polizist war vielleicht 40, der andere jünger als ich. Via Google Übersetzer unterhielten wir uns. Er meinte wir können den offiziellen Weg gehen, oder die Sache vor Ort klären. Wenn ich eins in den letzten knapp 7 Monaten gelernt habe..Nur weil jemand Geld fordert, heißt es nicht, dass es ihm zusteht, geschweige denn, welches bekommt. Ich fahre gut damit, mich dann so richtig schön doof zustellen und nichts mehr zu verstehen. Er meinte, er hätte mal einen Holländer kontrolliert, mit dem er sofort eine gemeinsame Sprache gefunden hätte. Als ich dann immer wieder fragte, was sie jetzt wollen, meinte der Jüngere: „money, money“. Das hatte ich natürlich nicht und wollte auch so, gerne den offiziellen Weg gehen. Danach ließen sie mich weiterfahren, ohne meine Daten aufzunehmen. Ich fragte, ob der Pass ins Altai frei sei und er bestätigte. Ein Foto durfte ich trotzdem noch mit ihm machen.

Also fuhren wir ins kasachische Altai.

Wir wunderten uns schon, warum so wenig Verkehr herrscht und uns keine Russen entgegen kommen.

Der kasachische Grenzübergang ist anscheinend schon eine Weile dicht. Im letzten Dorf kam dann die Bestätigung. Sackgasse. Schöne Landschaft, aber knapp 1000km „umsonst“. Der östlichste Grenzübergang ist definitiv Samei-Veseloyarsk.

Im Endeffekt war Kasachstan für uns ein Mischung aus Ehrenrunde und Sackgasse. Auch menschlich hat es mit uns nicht gepasst. Sicher leben dort größtenteils korrekte Menschen, leider haben wir die nicht getroffen. Auf dem Rückweg stand auch mein Polizeikumpel wieder an der Straße, der uns schadenfroh auslachte. Für uns steht fest, wir kommen nicht wieder.

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