Als wir am Hafen in Donghae (Südkorea) ankamen, merkte man gleich einen Unterschied. Asiaten haben keinen markanten Körpergeruch. Selbst wenn sie schwitzen riecht man nichts. Es gibt in den Läden auch meistens kein Deo zu kaufen.
So war es nach 10 Wochen Asien ein fast ungewohntes Gefühl, in das Gebäude mit ca. 150 Russen zu kommen, die alle auf unterschiedlich gute bzw. schlechte Weise markant rochen.

Dieses Mal war die Überfahrt nicht so turbulent wie beim ersten Mal. Wir hatten uns Tabletten gegen Seekrankheit gekauft, die wirklich empfehlenswert sind. Planmäßig hätte die Fahrt von Donghae nach Wladiwostok 25Std. dauern sollen. Als die Hafenstadt schon zu sehen war, kam die Durchsage, dass sich unsere Ankunft verschieben wird. Nach 30Std. waren wir dann die Letzten, die von Bord durften.
Die Zollkontrolle verlief entspannt. Der korpulente Zöllner, dessen obere Zahnreihe komplett vergoldet war, machte zwar, als er unsere deutschen Pässe in der Hand hatte einen Funkspruch, als der ranghöhere Kollege jedoch aus dem Büro kam, schüttelten beide schweigend den Kopf und unsere Pässe wurden abgestempelt.

Einige Wochen zuvor erreichte meine Eltern (wo ich mich vor der Reise wohnhaft gemeldet habe) ein Brief. Es war ein Einschreiben vom russischen Zoll. Die wollten wissen, warum wir Russland verlassen haben und unser Auto nicht mitgenommen haben. Obwohl wir das laut dem Datum auf der Deklaration müssten. Neben einer hohen Geldstrafe, wurde gleich mal damit gedroht das Auto zu beschlagnahmen, wenn sie es finden.
Nachdem ich erstmal beruhigende Worte für meine Mutter finden musste, wendete ich mich an unseren schweizer Freund in Ulan-Ude. Glücklicherweise wohnt Lukas in Burjatien, wo auch das Zollamt sitzt, welches uns geschrieben hat. Ich ließ ihm alle Dokumente zukommen und so machte er sich für uns auf den Weg, um die Sache zu klären. Mit Erfolg. Der Fehler lag beim Zoll selbst. Ein Zöllner hatte, warum auch immer, nachträglich ein falsches Datum auf unsere Deklaration geschrieben. Lukas schickte mir die Nummer einer Zollbeamtin. An diese schickte ich das Original mit dem korrekten Datum der Ausfuhr. Letztendlich hat sie sich bei uns entschuldigt und wir waren froh, dass es bei unserer Rückkehr nach Russland keine Probleme gab. Danke Lukas !!!

„Es tut uns leid. Es wird keine Probleme geben. Wenn Sie außerhalb Russlands reisen, kann ich Sie bitten, mich darüber zu informieren. Die korrekte Frist für die vorübergehende Einfuhr Ihres Autos ist der 15. Mai 2024“
Am Hafen holte uns Vladimir zusammen mit seiner Freundin Julia ab. Er ist der Sohn der Familie, bei der unser Auto auf der Insel Russki stand.

Unser erster Weg führte natürlich zum Supermarkt. Nach 10 Wochen Instant Noodles und anderem überteuerten, eckligen Fraß in Asien, war es ein tolles Gefühl mal wieder eine einfache Schnitte zu essen.
Unser Auto stand (natürlich) unbeschadet da. Die erste Nacht teilten wir uns mit dutzenden Mücken. Egal. Wir waren froh wieder in unserem Auto zu sein. Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von Tatjana, die Mutter der Familie, die uns damals aufgenommen hatte. Da sie eh kein Geld als Danke angenommen hätte, haben wir ihr ein paar Kleinigkeiten aus Asien mitgebracht.

Der Anfang in Russland gestaltete sich etwas schwierig. Wir haben zwar finanzielle Reserven im Auto (100€ Schein) jedoch hatten wir nur noch 300Rubel (3€) auf unserem russischen Konto, der Kühlschrank war leer und das Auto auf Reserve.
Der Geldtransfer nach Russland ist bekanntlich etwas umständlich. So war es nicht mehr möglich von meinem deutschen Konto Geld an die 3.Bank zu senden, von welcher ich nach Russland transferieren kann. Die Sparkasse hatte die litauische Adresse gesperrt, aus irgendeinem Verdacht. Zum Glück kennen wir den Sparkassenchef unserer Stadt persönlich (er ist auch Team Russland). Der klärte unverbindlich alles für uns und wir waren wieder liquide.

Wir machten uns auf den Weg nach Chabarowsk. Da wir nicht die Autobahn fahren wollten, die wir gekommen sind, fuhren wir weiter östlich lang. Im letzten Dorf, bevor der Nationalpark beginnt machten wir Halt. Ein Mann kam und fragte ob wir eine Panne hätten und Hilfe bräuchten. Es war alles gut und ich fragte ihn, ob es hier nach Chabarowsk geht. „Ja“ aber wir sollten lieber umdrehen und die Autobahn nehmen. „Nein, die Strecke kennen wir schon. Wir wollen hier lang, wenn es funktioniert.“ Mit einem lachenden „хорошо“ fuhr er fort. Kein gutes Zeichen. Wenn Russen sagen, die Straße ist nicht gut, dann heißt das was.
Der Südosten Russlands hat mit schweren Überflutungen zu kämpfen. Dämme gibt es hier nicht und kleine Flüsse werden dann schnell 50 Kilometer breit. Wir fuhren mehrere Tage auf Schotterpisten durch die Pampa. Immer wieder sind die Straßen überflutet. Dann steigt man vorher aus und schaut, wo man am besten lang fährt. Das ist übrigens der Unterschied zu den Russen. Die ballern einfach durch und merken dann, ob es klappt oder nicht. In einem Dorf halten wir bei einem Konsum an. Da gerade das Bäckerauto kam, war der Laden voll mit Leuten, die ein frisches Brot ergattern wollten. Aufgeregt kam eine Frau rein und rief ganz perplex „Мерседес машина!!“ Also „Mercedes Maschina“. Die Leute schauten uns verdutzt an. Wir sagen: „Немецкие туристы“ – Deutsche Touristen. Die Frau, welche gerade bedient wurde ließ uns vor, während die meisten uns einfach ansahen, als wären wir vom anderen Stern.





Im Ort Arsenjew hatten wir dann eine der lustigsten Kontrollen bis jetzt. Sonntag morgen um 8Uhr, 2 Mann streiten sich vor unserem Auto. 2 Polizisten, ein großer mit 3 Strichen auf der Schulter und ein kleiner mit einem Strich. Nachdem geklärt war, dass wir Deutsche sind und alle Seiten unserer Pässe (auch die leeren) abfotografiert wurden, kam die Frage vom Großen, ob wir nicht wissen was in der Stadt produziert wird. „Nein, was denn?“, antwortete ich. Der Kleine wollte etwas sagen und wurde sofort vom Großen gebremst. Schweigen. Ich schaute bei Wikipedia. Hubschrauber werden hier produziert. Nach reichlichem Überlegen kam vom Großen „Milch“. Wir mussten anfangen zu Lachen, was der Lange nicht verstehen konnte. Wir boten ihnen einen Kaffee an, der Kurze wollte gerade „ja“ sagen, da wurde er wieder vom Großen ausgebremst. „Nicht im Dienst, danke.“ Sie entschuldigten sich ständig bei uns, unsere Zeit zu beanspruchen, aber im Land gäbe es eine besondere Situation und Besucher gibt es in der Stadt sonst nicht, deswegen muss alles geprüft werden. Der Kurze schrieb mir alle seine persönlichen Daten+ Wohnanschrift auf, anscheinend hatte er ein schlechtes Gewissen. Wir mussten wieder lachen. Ein dritter Polizist in zivil kam, der auch nochmal alles fotografierte. Nach einer „intensiven“ Fahrzeugkontrolle (1x Kofferraumklappe öffnen), kam die 4. Entschuldigung und: “ gute Reise und es war schön mit euch zu reden.“ Nach einer Stunde wurde die Kontrolle mit einem respektvollen Handschlag beendet.


Wir waren in Chabarowsk angekommen. Bei letzten Mal trafen wir Kyrill am Strand des Amur. Es war Sonntag und wir telefonierten gerade mit der Heimat. Da kam er und sprach mich an, ob wir Deutsche sind? Ich fragte, woran er das erkannt hätte. Er sah in der Stadt unser Auto mit deutschem Kennzeichen und hier am Strand würde niemals ein Russe sein Bier aus einem Glas trinken, so wie ich.

Wir fragten ihn, ob wir an seine Adresse ein Dokument schicken könnten. Natürlich. Es handelt sich um das CDP, welches man in vielen asiatischen Ländern für sein Auto benötigt. In Deutschland hinterlegt man für sein Auto einen Pfand beim ADAC und bekommt dafür das Dokument. Dieses verlangen viele (ärmere) asiatische Länder, wenn man mit seinem Auto einreisen möchte. Damit will man sicher gehen, dass Fremde nicht einfach ihre Autos in ihrem Land verkaufen, wo es diese sonst nicht, oder nur sehr teuer (+Steuern) gibt.

Kyrill ist so alt wie wir und betreibt mit seiner Frau eine Nachhilfeschule für Mathe und Physik. 7€ kosten 1,5h bei ihm. Da er 3 Jahre in Australien lebte, spricht er perfekt Englisch. Wir mussten ein paar Dokumente scannen und so schickte er uns zur Sprachschule in Chabarowsk, wo man uns helfen könnte.

Anastasia (links) ist die Chefin von insgesamt 9 Lehrern. Sie selbst studierte in Alaska. Nachdem sie uns mit unserem Anliegen half und wir auch gleich mal in den Unterricht mit einbezogen wurden, fing sie an von ihren Wochenendplänen zu erzählen. Es gäbe wohl ein älteres Ehepaar in der Nähe, die gelegentlich Reisende zu sich einladen. Ob wir sie nicht gemeinsam am Samstag besuchen wollen. Natürlich!!

120Km südöstlich von Chabarowsk haben Sergej und Nina ein Haus. Mitten in der Taiga. Sergej(70) hat früher Ausländer nach Russland geholt. Meistens zum studieren. Heute schickt er Russen ins Ausland. Besonders nach Kanada und Australien. Er lud uns ein, das Wochenende bei ihm zu verbringen. Russen sind extrem spontan. Am Donnerstag entstand die Idee und Samstag fuhren 9 Personen, die sich alle kaum kannten los, um ein paar Tage miteinander zu verbringen. Wir fuhren mit 3 Autos gleichzeitig los. Jedoch kamen wir eine halbe Stunde eher an. Was im Nachhinein sehr gut war, da wir uns in Ruhe mit den interessanten Gastgebern vertraut machen konnten.



Die Empörung der Russen war groß, als wir erzählten, dass wir in fast 3 Monaten Russland, kein einziges Mal in der „баня“(Sauna) waren. Das musste gleich geändert werden.

Die Sauna hat hier eine große Tradition. Klar, wenn das halbe Jahr über Winter ist. Außerdem haben es die Russen wirklich gerne warm. Viele Leute gehen mehrmals in der Woche zur Sauna. Das dauert bis zu 6h, wo man immer abwechselnd im Heißen sitzt, dann raus zum Essen/Trinken und dann wieder rein. Dazwischen springt man zur Abkühlung in den Schnee oder ins kalte Wasser.


Da ich es als deutscher Kreisliga-Schiedsrichter gewohnt bin, mir nackt die Dusche mit 20 anderen Männern zu teilen (no homo), war es auch hier kein Problem. Als Sergej mir dann jedoch das volle Programm der traditionellen Sauna zeigen wollte war es etwas naja, komisch. In dem komplett dunklen Raum, in dem 90°-100° sind, legt man sich erst auf den Bauch, später auf den Rücken. Sergej schlägt einen dann mit einem Strauß Eichenblätter, die zuvor mit kochendem Wasser übergossen werden. Definitiv auch mal eine Erfahrung. Er hätte es auch gerne bei Victoria gemacht, was dann aber Anastasia für ihn übernahm.


Danach ging es ins Haus, wo Nina schon ein Festmahl vorbereitet hatte. Es war eine angenehme Stimmung. Schnell stellte sich heraus, das Aleksander und ich die einzigen waren, die ganz gerne trinken. So haben dann die 2 Flaschen Cognac auch gereicht. In 3 Monaten Russland gab es kein einziges Mal Wodka. Das Trinken nur die Armen. Wer ein bisschen was auf sich hält trinkt Cognac. Aleksei war selbst 7 Jahre beim Militär. Seine 3 Brüder sind im Moment in der Ukraine. Sein Onkel für Wagner in Afrika. Leider spricht er nur sehr schlecht englisch. Den anderen erzählt er viel, was uns dann aber niemand übersetzen wollte. Und da es sich für einen Gast nicht gehört neugierig zu sein, haben wir auch nicht weiter nachgefragt, obwohl es uns natürlich interessiert hätte.

Dafür haben wir noch ein paar russische Mythen aufgetischt bekommen. Z.B wenn die Banderole auf der Flasche falsch rum klebt, wurde diese in der Nachtschicht abgefüllt und schmeckt nicht so gut. Dann hat angeblich die russische Makkaroni den selben Umfang wie die Hülse der Kalaschnikow. So kann man im Ernstfall anstatt Nudeln Munition produzieren. Wenn man in Russland von jemanden rasant überholt wird, sagt man „Schumacher“. Michael Schumacher ist hier eine absolute Legende und vor Lewis Hamilton der beliebteste Formel 1 Fahrer. Wir haben sie dann noch gefragt, ob sie eigentlich Europäer oder Asiaten sind, schließlich sind wir hier 6500km östlich des Urals unterwegs. Erstmal sagen sie natürlich sie seien Russen. Später sagen sie Eurasier. In der Schule lernt man hier das Europa und Asien ein gemeinsamer Kontinent ist. Eurasien.


Beim Frühstück erzählte uns Sergej, dass ganz in der Nähe eine Auffangstation für Tiere sei. Also fuhren wir mal schnell hin. Für umgerechnet 2€ bekommt man eine private Führung. Hier lebt seit einigen Jahren dieser Tiger. Der hatte irgendwann ein Hähnchen gefressen und ein Knochen zerstörte sein ganzes Maul, welches sich entzündete. Man fand das Tier, operierte es und brachte es hier her. Hier verbringt der Tiger jetzt auf 2ha seinen Lebensabend. Da das Areal im Territorium eines anderen Tigers liegt, bekommt er jede Nacht Besuch von einer anderen großen Katze. Außerdem gibt es hier noch einen jungen Braunbären. Der verlor die Scheu vorm Menschen und spaziert Nachts durch die Dörfer. Dieser kommt bald in den Zoo. Neben einem Reh, war auch noch ein Falke da. Dieser flog in den Scheinwerfer eines Autos und brach sich den Flügel. Der ist aber gut verheilt und bald wird der Käfig geöffnet und er ist wieder frei.


Wir fuhren zurück zu den anderen. Nach einem traditionellen Tee musste Christian einen Baum pflanzen. Russische Tradition für Geburtstagskinder. Danach verabschiedeten wir uns. Das war ein unvergesslicher Ausflug. Danke an diese netten Leute in Russland.



Der Winter kommt mit großen Schritten. In der Nacht sind schon Minusgrade und eine Standheizung haben wir nicht. Unser Visum ist auch bald voll. Wenn wir am Sonntag Russland in Richtung Mongolei verlassen werden, waren wir 3 Monate bzw. 90 Tage hier. Es wird zum Schluss das Land auf unserer Reise sein, in dem wir die meiste Zeit verbracht haben. Die Leute sind uns mit ihrer einfachen und ehrlichen Art ans Herz gewachsen. Hier ist bestimmt nicht alles perfekt, aber wo ist es das schon? Wenn wir Freunde und Familie aus Deutschland mitnehmen könnten und man hier für das gleiche Geld wie zu Hause arbeiten könnte, dann würde ich sofort „ja“ sagen. Aber das geht nun mal nicht und so bleibt uns nur die Vorfreude aufs nächste Mal. Wir wollen definitiv noch nach Moskau, St. Petersburg und ins ferne Kamschatka.
Egal was auch passiert Russland…. Ihr habt 2 Freunde in Deutschland.